Buffy
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Der Kuß des Wolfes - Teil 2
betagelesen von Natalie
Überlebende
   1   

Die Frau mit dem smaragdfarbenen Meer in ihren Augen lächelte ihn an.
"Ich liebe dich, Baby", flüsterte sie. "Das habe ich immer getan. - Und das weißt du, nicht wahr?"
"Ja ... das weiß ich. Wir hatten eine verdammt gute Zeit zusammen. Du und ich."
"Ja, das hatten wir - aber jetzt muß ich gehen."
Sie beugte sich zu ihm herunter und küßte ihn. Ihr Duft ließ ihn fast krank werden vor Sehnsucht.
"Aber wohin willst du gehen?"
"Fort ...", flüsterte sie nur, und ihre Gestalt verschmolz mit dem immer heller werdenden Licht.

"Willow!" rief Oz und erwachte aus seinem Traum.

   2   

Willow war tot. Die Wunde, die ihr Tod in den Herzen ihrer Freunde hinterließ, war taub und fühlte sich wie ausgebrannt an. Sie schmerzte bei weitem noch nicht so sehr, wie sie es in einigen Tagen tun würde.
Der heutige Tag war Donnerstag. Der Tag ihrer Beerdigung.

Willows Freunde trugen alle schlichte dunkle Kleidung, als sie sich vor dem jüdischen Friedhof trafen. Nur Giles fehlte. Er lag mit einem gebrochenem Bein und gebrochenen Rippen immer noch im Krankenhaus.
Der Sarg ihrer Freundin war am Morgen in der kleinen Trauerhalle des Friedhofs aufgebahrt worden und dort fanden sie sich alle ein.
Willows Eltern und einige nahestehenden Verwandte waren schon anwesend, als Xander, Buffy, Dawn und Tara eintrafen.
Der Rabbiner hielt eine kurze Trauerrede und als Teil der Zeremonie wurde eines von Willows Lieblingsgedichten zitiert:

Und denke nicht,
du könntest den Lauf der Liebe lenken;
denn Liebe - so sie dich würdig findet,
lenkt deinen Lauf.*

Willows Vater trat anschließend vor und sprach das Kaddisch, das Gebet für die Toten, das von der Liebe Gottes kündet.
Danach geleiteten sie alle den Sarg zu seinem Grab und als dieser herabgelassen wurde, wußte Tara, daß hier auch alle ihre Träume und Hoffnungen begraben wurden.
Jeder der Anwesenden schüttete drei Schaufeln Erde auf den Sarg und sprach:
"Erde bist du, und zur Erde kehrst du heim."
Und dann war es vorbei.
Willow war nach den Traditionen ihres Volkes beigesetzt worden, und die kleine Gruppe der Trauernden verließ gemeinsam den Friedhof. Am Ausgang wuschen sie sich einem letzten Brauch entsprechend, an einem alten, mit Flechten überzogenen steinernem Becken, die Hände, und Tara bemerkte, wie sich mancher von Willows Verwandten verstohlen die Kleidung einriß.
Dann verließen sie den Friedhof und die Trauergemeinde löste sich auf.
Für Willows Eltern begann nun die Zeit der Schiwa, die eigentliche Trauerzeit, die sieben Tage andauern würde.
Buffy und ihre Freunde hatten vereinbart, daß sie noch zu ihr nach Hause gehen wollten. - Keiner sollte jetzt allein sein.

   4   

"Buffy, Xander!", hörten sie eine Stimme hinter sich rufen. Sie blieben überrascht stehen. Jeder von ihnen hatte die Stimme erkannt. Ungläubig drehten sie sich um und sahen Oz, der auf sie zugelaufen kam.
Er blieb ein wenig atemlos vor ihnen stehen, und einen Moment lang sahen sie sich alle einfach nur stumm an.
"Woher weißt du ...", fragte Buffy.
"Ich habe es geträumt", flüsterte Oz. "Ich habe von Willow geträumt. Sie kam im Traum zu mir und verabschiedete sich. Als ich aufwachte, wußte ich, daß Willow gestorben war. Ich wußte es ganz einfach."
Schweigen. Dann sagte Buffy in die Stille hinein:
"Kommst du mit? Wir wollen noch zusammenbleiben, vielleicht gemeinsam etwas kochen und ... einfach nicht allein sein."
Oz nickte, doch dann schüttelte er den Kopf.
"Ich komme nach", sagte er. "Ich bin zwar nicht rechtzeitig zu ihrer Beerdigung gekommen, aber ich muß mich von ihr verabschieden. - Ich muß an ihr Grab ..."
"Ich zeige dir, wo es ist", hörte sich Tara zu ihrer eigenen Überraschung sagen.
Oz sah sie ruhig mit seinen dunklen Augen an. Sie konnte nicht erkennen, was er von ihrem Vorschlag hielt.
"A... aber wenn es dir lieber ist ...", stotterte sie.
"Nein", unterbrach er sie. "Nein. Ich denke, es ist in Ordnung."
Sie war blaß geworden, aber er lächelte ihr beruhigend zu.
"Schließlich haben wir sie beide geliebt."
Tara nickte, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, daß sie und Oz durch ihre gemeinsame Liebe zu Willow mehr miteinander verbunden waren, als durch die Trauer, die sie alle nun miteinander verband.
"Ihr kommt uns nach, oder?", fragte Buffy.
Oz und Tara nickten bestätigend und ihre Wege trennten sich.

   5   

Tara brachte Oz zum Grab und ging dann zurück zum Eingang, um ihm Zeit zu geben, sich von Willow zu verabschieden. Sie setzte sich auf eine der steinernen Bänke, um auf seine Rückkehr zu warten.
Ein leichter Wind war aufgekommen und immer mehr Wolken begannen sich am Himmel aufzutürmen.
Nach Willows Raserei war das Wetter unberechenbar geworden. Zwar war es immer noch heiß, doch die seit Wochen andauernde Hitzeperiode wurde nun ständig durch kurze aber heftige Wolkenbrüche unterbrochen, die neben kurzfristigen Überschwemmungen auch angenehme Kühle mit sich brachten.
Tara saß auf der kleinen Bank, sah in die Wolken und erinnerte sich an die Gottheiten, die vor zwei Tagen vom Himmel auf Willow herabgelächelt hatten.
Für einen Moment schauderte es sie und eine Gänsehaut überzog ihren Körper. Sie zuckte erschreckt zusammen als sich Oz neben sie setzte. - Sie hatte nicht bemerkt, daß er zurückgekommen war.
"Hey, alles in Ordnung?", fragte er.
"Nein", flüsterte sie kopfschüttelnd. "Nichts wird je wieder in Ordnung sein."
Oz nahm ein wenig ratlos ihre Hand und tätschelte sie.
"Laß uns zu Buffy gehen, okay?"
Sie nickte. Ein kleines, tapferes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
"Okay."
Gemeinsam verließen sie den jüdischen Friedhof und liefen die schmale Straße auf der Rückseite des Hauptfriedhofs entlang, bis sie auf einen der Seiteneingänge des Hauptfriedhofs trafen.
Kurz trafen sich ihre Blicke. Sie beide dachten das gleiche.
"Abkürzung?" fragte Oz.
Tara nickte.

Sunnydales Hauptfriedhof. - Er war nicht gerade schön, dafür aber groß und hier war immer etwas los.
Vampire buddelten sich aus ihren Gräbern, Dämonen hielten Rituale ab und die Jägerin stand oft schon bereit, um neugeborene Untote mit einem Pflock in ihre Herzen zu empfangen. - Das schnelle und unrühmliche Ende einer widernatürlichen Existenz.
Und immer wieder hatten Buffys Freunde sie bei ihrer Arbeit unterstützt.
Willow, die am Anfang noch voller Angst gewesen war, hatte später, als die mächtige Hexe zu der sie geworden war, ihre Angriffe koordiniert und sie mit ihrem Zauber unterstützt.
Oz hatte diese Zeit nicht miterlebt. Er kannte Willow nur als das Mädchen, in das er sich einst verliebt hatte.
Intelligent, ein wenig schüchtern und keine Ahnung davon, wie schön sie war. Er wußte nichts von ihrer Sucht nach Magie, kannte nicht ihrer dunklen Seite ... und er wußte nichts darüber, wie sie gestorben war.
Doch genau das wollte er wissen. Er wollte wissen, wie es dazu gekommen war, daß Willow tot war. Er wollte wissen, was alles geschehen war, nachdem er Sunnydale verlassen hatte.
Bestimmt war jetzt nicht der beste Zeitpunkt danach zu fragen, dachte er, aber die Ungewißheit über ihr Ende schmerzte ihn ebenso sehr, wie die Gewißheit ihres Todes.
Es rumorte im Himmel über ihnen. Ein lauter Donner zerriß die Stille und in den Wolken flammten Blitze auf. Ein kühler Wind strich über die Gräber und vereinzelt begannen dicke Regentropfen auf die Erde zu fallen. Oz sah mit einem Stirnrunzeln in den grauschwarzen Himmel.
"Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es einigermaßen trocken ins Friedhofscafé."
Sunnydale war vermutlich der einzige Ort in Amerika, an dem es ein trendy Café am Friedhof gab - und das zudem noch rund um die Uhr geöffnet war.
Inoffizieller Slogan war: Coffee to die for.

Immer mehr Tropfen begannen aus den Wolken zu fallen, und die beiden rannten los. Ein wenig atemlos aber fast trocken erreichten sie wenige Minuten später das Café.
Es war ein geräumiges Café. Mit großen gemütlichen Sofas, plüschigen Sitzgruppen, Pflanzen, Kunstdrucken französischer Impressionisten an den Wänden und kleinen Bistrotischen direkt an der großen Fensterfront.
Um diese Tageszeit war nicht viel los, und Tara und Oz setzten sich an einen der Bistrotische, der etwas versteckt hinter großen Solitärpflanzen stand.
Sie bestellten sich Kaffee und sahen nach draußen, auf das verrücktspielende Wetter.
Die Wolken hingen tief über der Erde, schienen sie fast schon zu berühren.
Für einen Moment legte sich der Wind und dann öffneten sich die Schleusen des Himmels. Es begann wie aus Kübeln zu schütten. Der Regen praßte mit solcher Gewalt herunter, daß die Kanalisation das Wasser nicht mehr zu fassen vermochte und langsam begannen sich am Straßenrand, tiefe Pfützen zu bilden.
Autos fuhren im Schrittempo und mit eingeschalteten Scheinwerfern am Café vorbei. Ab und zu wurde die Eingangstür aufgerissen und ein völlig durchnäßter Kunde kam herein.
Im Augenblick waren nur Menschen anwesend. Oder zumindest sahen die Gäste wie Menschen aus. Doch wenn es dunkel wurde, konnte man hier so manche interessante Bekanntschaft schließen - und mit ein wenig Glück sogar überleben.
Tara war froh, als schließlich ihr Kaffee an den Tisch gebracht wurde und das Schweigen zwischen ihr und Oz unterbrach. Sie fühlte sich nicht sehr wohl in seiner Gegenwart. Hatte sie doch nicht vergessen, daß er sich am hellichten Tag in einen Werwolf verwandelt hatte.
Auch wollte sie nicht mit ihm über Willow reden. Aber genau darauf es würde wohl hinauslaufen, dachte sie. Zumindest hatte sie so ein Gefühl. Und wie zur Bestätigung ihrer Gedankengänge fragte Oz:
"Was ist geschehen, Tara? - Nachdem ich fortgegangen war."
Unmerklich zuckte sie zusammen, dann antwortete sie:
"Ich halte es für keine so gute Idee, mit dir darüber zu sprechen, Oz. Vielleicht erinnerst du dich noch an unser letztes Zusammentreffen? - Ich jedenfalls habe es nicht vergessen."
Der junge Mann sah sie betroffen an.
"Es tut mir leid, Tara. Ich wollte dir nicht weh tun ..."
Die dunkelblonde Hexe lachte nervös.
"Klar. Du wolltest mich nur töten."
Oz schwieg. Konnte er ihr einen Vorwurf machen? Tatsächlich war da etwas in ihm gewesen, daß sie hatte einfach umbringen wollen. Das so mächtig geworden war, daß es den Menschen übernommen hatte und er nur noch von seinen Instinkten getrieben worden war. - Aber das war vorbei. Seit damals hatte er weitere Fortschritte gemacht. Heute war der Wolf ein integrierter Teil seiner Persönlichkeit.
"Tara. Ich möchte mit dir Frieden schließen. Wir haben beide Willow geliebt. Ich bin mir sicher, daß sie es auch so gewollt hätte."
Unfair, dachte Tara. Und doch wußte sie, daß er recht hatte.
"Was also willst du wissen?"
"Alles", flüsterte er, "einfach alles."
"Alles", wiederholte sie leise und warf ihm einen gequälten Blick zu.
"Es wird dir nicht gefallen. Willst du sie nicht einfach so in Erinnerung behalten, wie du sie gekannt hast?"
"Nichts von dem, was du sagst, kann meine Liebe zu ihr erschüttern. Aber ich muß es einfach wissen - verstehst du das denn nicht?"
Die dunkelblonde Hexe nickte. Sie verstand ihn nur zu gut.
"Also gut", flüsterte sie und begann mit halblauter Stimme zu erzählen.
Sie sprach davon, wie sich Willow in eine immer mächtigere Hexe verwandelt hatte. Wie sie sich mit der Göttin Glory angelegt hatte, wie Buffy beim Kampf gegen Glory gestorben war und Xander, sie selbst und Willow die Jägerin von den Toten auferweckt hatten. Doch eigentlich war es Willow gewesen, die die Macht dazu gehabt hatte.
Tara erzählte, wie Willow süchtig nach Magie wurde. Wie sie damit begann, ihre Macht zu mißbrauchen und sie schließlich die Realität durch ihren Zauber zu manipulieren begann.
Und nun da Tara redete, kamen die Worte wie von selbst. Der Damm ihres selbst auferlegten Schweigens war gebrochen, und die aufgestaute Flut ihrer Gefühle nahm in der Wahl ihrer Worte, in ihrer Gesten und ihren Tränen Gestalt an. Sie konnte nicht mehr aufhören zu reden.
Tara erzählte ihm davon, wie sehr es sie verletzt hatte, daß Willow sie mit einem Zauber belegt hatte. Wie furchtbar es gewesen war, Willow zu verlassen. Doch das sie keine andere Wahl gehabt hatte. Und das es schließlich auch das war, was Willow wieder zur Besinnung gebracht hatte.
Ihre Geliebte hatte sich wieder gefangen, erzählte sie, war von der Zauberei losgekommen und sie beide hatten sich versöhnt. Dann war der Schuß gefallen, hatte sie selbst tödlich verletzt und Willow hatte in ihrer Verzweiflung zwei mächtige Göttinnen angerufen - hatte einen Pakt mit ihnen geschlossen, der ihr, Tara, das Leben zurückgeben sollte.
Und während Tara das alles erzählte, erinnerte sie sich viel zu gut an ihre eigene Angst, an den Schmerz und an die Gewißheit dieses einen kleinen Momentes, dieses winzigen Augenblicks, an dem sie die Anwesenheit des Todes gespürt hatte. Dieser eine Moment an dem sie selbst sich aufgegeben hatte.
Und dann war das Leben mit aller Gewalt, unaufhaltsam wie eine alles niederreißende Flut in sie zurückgeströmt, hatte alles andere zurückgedrängt.
Willow hatte sie der Umarmung des Todes entrissen - doch zu welchem Preis?
Ihre Geliebte war im Namen der göttlichen Kriegerinnen in einen Kampf gegen die Dämonen des Höllenschlunds gezogen. Sie hatte sich vollkommen dem göttlichen Wahn hingegeben, bis die Gottheiten zufriedengestellt und ihr Durst nach Dämonenblut gestillt gewesen war.
Ihre Geliebte hatte ihren Teil des Handels eingehalten, hatte den Preis gezahlt.
Doch den Tod vermag niemand zu betrügen. Weder Hexe noch Götter.
Denn er gehört zur natürlichen Ordnung, ebenso wie auch das Leben. Er erfüllt ganz einfach nur seine Aufgabe.
Und so hatte der Tod am Ende doch noch eine Hexe in sein dunkles Reich führen können. Willow war an ihrer Statt gestorben. Die Waagschalen des Schicksals waren ausgeglichen gewesen.
Tara schwieg nun, vom Erzählten ganz erschöpft.
Dann flüsterte sie:
"Es ist meine Schuld. Sie ist meinetwegen gestorben. Ich sollte es sein, die jetzt tot ist."
Weinend schlug sie sich die Hände vors Gesicht.
"Das glaubst du doch nicht im ernst?", fragte Oz bestürzt.
"Doch!", Tara nickte, und die Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
"Ich sollte es sein, die tot im Grab liegt, nicht Willow!"
"Tara! Wenn es eins gibt an das ich glaube, dann, daß nichts zufällig geschieht. Und wenn Willow ihr Leben dafür gab, damit du lebst, dann hast du - verdammt noch mal - auch die Pflicht, es zu tun! Glaubst du, sie wollte, daß du dich in Selbstzweifeln zerfleischst? Glaubst du, sie gab ihr Leben hin, damit du unglücklich bist?"
"Ich ... ich ...", Tara wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie war unglücklich, weil Willow tot war. Aber sie wußte auch, daß Willow gewollt hätte, daß sie wieder glücklich würde. Daß sie lebte.
Sie schluchzte verzweifelt auf.
"Warte ...", sagte Oz, stand auf und ging zur Theke. Tara wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. - Am liebsten wäre sie aufgestanden und gegangen.
Oz kam nur wenig später zurück und trug auf einem Tablett eine Schale mit frischem Obstsalat, der in einem Meer aus Schoko- und Kokosraspel, Mandelmakrönchen und Caramelsauce versank. Ein großer Mokkashake stand daneben.
Ein Lächeln erschien auf Taras Gesicht.
"Oh, das sind Willows Lieblingsleckereien!"
"Schrecklich, nicht wahr?", stöhnte Oz mit einem Augenzwinkern und stellte das Tablett ab. Zwei Löffel und zwei Strohhalme lagen darauf.
"Teilen wir es uns zusammen."
Tara sah ihn mit großen runden Augen an, doch dann nickte sie und griff nach dem Löffel. - Sie wußte, daß es Willow gefallen hätte.

"Und Buffy war echt eine Ratte?", fragte Tara überrascht. "Das hat mir nie jemand erzählt."
Oz schmunzelte.
"Oh, also das wundert mich nicht! Denn was damals in Sunnydale los war, mag zwar im Rückblick lustig erscheinen, doch all die Frauen, die sich vor Liebe nach Xander verzehrten und hinter ihm her waren - übrigens einschließlich Drusilla, waren echt mörderisch!
Tja", seufzte Oz, "das meiste davon weiß ich auch nur, weil es mir erzählt worden ist. Ich war ja die ganze Zeit hinter Buffy her."
Tara zog die Braue hoch und Oz unterbrach sich selbst, weil das eben gesagte irgendwie verdammt zweideutig klang.
"Also eigentlich ich war nicht hinter Buffy her", versuchte er sich selbst zu verbessern, "sondern hinter der Ratte, die wiederum Buffy war und dann auf einmal stand die echte Buffy total nackt vor mir und - ähem ...", mit einem Lachen verdrehte Oz seine Augen.
"Vergiß es einfach!" sagte er abwinkend. "Na auf jeden Fall habe ich mich danach ab und zu mal gefragt, was wohl passiert wäre, wenn die Jägerin eine Ratte geblieben wäre. Hätte sie dann angefangen Katzen zu jagen? Schließlich haben die auch Reißzähne."
"Oh Oz, du bist ...", Tara suchte nach dem passenden Wort, "ziemlich schräg."
"Musiker", erwiderte er nur trocken.
Die dunkelblonde Hexe lächelte und stellte überrascht fest, daß sie sich inzwischen völlig in Oz' Gegenwart entspannt hatte. Die was-wäre-wenn-er-sich-in-einen-Werwolf-verwandelt Gedanken waren verschwunden.
Sie saßen schon seit über zwei Stunden im Café und erzählten sich all die verrückten Dinge, die ihnen in Sunnydale widerfahren waren. Nur Willow hatten sie bei dem Thema sorgfältig ausgeklammert.
"Ich vermisse sie", sagte er in diesem Augenblick.
Tara lag plötzlich ein Stein im Magen und sie versuchte zu scherzen:
"Die Buffyratte?"
Oz trauriger Blick traf sie mitten ins Herz, aber er erwiderte nichts.
Schließlich sagte sie:
"Ich weiß. - Ich vermisse sie auch. Ich vermisse den Blick in ihre Augen. Jeden Tag aufs Neue.
Manchmal lag da so eine Tiefe darin, daß man sich darin hätte verlieren können. Und dann wiederum sprühten ihre Augen vor Begeisterung und Leben. Sie sah einen an, und da war dieser Ausdruck, dieser befremdliche Ausdruck von ..."
"... Unschuld", ergänzte Oz.
"Ja", Tara nickte bestätigend. "Unschuld."
"Und erinnerst du dich an ihren ..."
Oz verstummte. Fast schon erschien ihm die Frage zu intim.
"Ihren Duft?", fragte Tara.
Er nickte.
"Oh ja", flüsterte Tara. "Das war etwas ganz einzigartiges. Es war wie eine Mischung des würzigen Dufts des Waldes nach einem Regen und ..."
"... wilden süßen Erdbeeren."
"Ja ... und man konnte einfach nie genug davon kriegen."
Oz lächelte und nickte.
"Das stimmt", sagte er leise. "Ich erinnere mich, als wir einmal ein Picknick im Park machten. Xander und Buffy waren damals dabei. Xander hatte die ganze Zeit gesagt, daß er den Duft von Erdbeeren in der Nase hätte. Irgendwann verschwand er und kam wenig später mit Erdbeereis für uns alle zurück. - Xander ist mir immer ein guter Freund gewesen. Selbst als ich zum Werwolf wurde."
"Ich hoffe, ich bin nicht zu neugierig, wenn ich das Frage. Aber wie hast du die Werwolfsache in den Griff bekommen?"
Wieder traf Tara der ruhige Blick aus Oz rätselhaften Augen.
"Ich habe es für sie getan", flüsterte er und sah mit diesen Worten aus dem Fenster. "Ich wollte, daß sie sich auf mich verlassen kann. Wollte, daß sie mir vertrauen kann, daß sie mich nicht fürchten muß. - Das ist alles. Warum sonst sollte sich ein Mann ändern, wenn nicht für die Frau, die er liebt?"
Für einen Moment berührten sich wieder ihre Blicke und in seinen Augen blitzte etwas auf. Etwas ungezügeltes Wildes. Etwas, das nur durch pure Willenskraft in Schach gehalten wurde.
Oz sah in Taras Augen Furcht aufflammen. Beruhigend legte er seine Hand über die ihre, die sich jetzt verkrampft an der Kaffeetasse festhielt.
"Hab keine Angst, Tara. Der Wolf wird dir nichts tun. Denn du bist die Frau, die von Willow geliebt wurde. Du bist die Frau, von der Willow wollte, daß sie lebt. - Ich weiß das, und wenn ich es weiß, dann weiß es auch der Wolf in mir."
Ein schmerzliches Lächeln huschte über sein Gesicht.
"Du brauchst dich weder vor dem Mann, noch vor dem Wolf zu fürchten."
Tara schluckte und ließ die Tasse wieder los. Noch bevor sich Oz' Hand wieder zurückziehen konnte, hielt sie sie fest, drückte sie.
"Es tut mir leid, daß ich damals, als du zurückgekommen bist, deine Hoffnung nach einer erneuten Liebe zu Willow zerstört habe. - Willow und ich trafen uns als Hexen, zum gemeinsamen Zaubern und um zu lernen ... und dann haben wir uns ineinander verliebt. Es ist ganz einfach geschehen. Du warst nicht da und ..."
"Mach dir deswegen keine Vorwürfe", unterbrach sie Oz.
"Willow hatte sich, als ich zurückkam, für dich entschieden. Es hat mir damals sehr weh getan, und ich brauchte Zeit, um darüber hinwegzukommen. Aber das ist lange her ... und es stimmt, was man sagt.
Die Zeit heilt alle Wunden. So schmerzhaft diese auch sind."
Tara runzelte kurz die Stirn. Sie kannte Oz nicht wirklich. Und was sie von ihm wußte, kam aus zweiter Hand. Waren nur die Erzählungen Willows und ihrer Freunde. Doch etwas an ihm schien anders zu sein.
"Du bist weise geworden," stellte sie fest.
Oz sah sie nachdenklich an. Wieder schienen seine dunklen Augen direkt in ihre Seele zu blicken. Dann tätschelte er ihre Hand.
"Ja, vielleicht. Tibet und der ferne Osten können bisweilen so eine Wirkung auf einen Westler haben."
Seine Hand zog sich zurück, und er sah aus dem Fenster. Seitdem sie hier saßen, hatte sich das Wetter zigmal geändert. Mal war die Sonne herausgekommen, hatte auf die nassen Straßen geschienen, dann war nur wenige Minuten später der Regen heruntergepraßt.
Doch nun schien sich das Wetter endgültig beruhigt zu haben.
Taras leise Stimme durchbrach seine Betrachtungen, als sie sagte:
"Ich vermisse sie jede einzelne Minute, die seit ihrem Tod vergangen ist. Ich vermisse ihr Lachen, ihren Zorn, ihren Humor, ihre Küsse und all die seltsamen Dinge, die sie gegessen hat."
Sie deutete auf den geleerten Mokkashake und die Obstschale.
"So was wie das da. - Wie konnte man nur auf so ungesunde und auch unkoschere Sachen abfahren!?"
Oz schmunzelte.
"Sie war eben was ganz besonderes."
Tara nickte und hatte keine Worte, um darauf etwas zu erwidern. Sie blickte ebenfalls aus dem Fenster. Tränen standen in ihren Augen.
"Wir sollten gehen. Die anderen werden sich vielleicht schon Sorgen machen", sagte sie schließlich.
Oz nickte und rief nach der Bedienung, um zu zahlen.
Nur ein Kuß
   1   

Sie verließen das Café.
In der Ferne regnete es noch, doch über ihnen war der Himmel aufgerissen, und das erste Blau schimmerte hindurch.
Sonnenstrahlen tasteten sich zögernd aus den dunklen Wolkenmassen und zauberten einen blassen Regenbogen an den Horizont.
Seite an Seite gingen Tara und Oz die Straße entlang. Beide waren sie in Schweigen gehüllt, das wie ein Mantel gütig die offenen Wunden ihrer Trauer verdeckte.
Während sie still der Straße folgten, dachten sie an Willow. Erinnerten sich an eine junge rothaarige Frau, mit smaragdgrünen Augen, die die Macht hatte, allein durch ihr Lächeln, die Welt zu verzaubern.

Die Luft war erfüllt vom frischen Duft des Regens.
Autos, immer noch naß, fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern an ihnen vorbei. Das Licht spiegelte sich in den Pfützen wider.
Dampfend stieg in den vereinzelten Sonnenstrahlen die Feuchtigkeit von dem seit Wochen aufgeheizten Asphalt auf. Vögel ließen in der reinen Luft klar ihre Stimmen erklingen.
Das Unwetter hatte fast alle Passanten von der Straße getrieben. Und so genossen die beiden die ungewohnte Ruhe, die sie umgab. Ohne darüber nachzudenken, folgten sie der Straße, die sie immer weiter aus dem Zentrum Sunnydales hinausführte. Ganz automatisch bogen sie in den großen Park am Stadtrand ein.

Dies war einer der Lieblingsplätze Willows gewesen. In diesem Park standen alte exotische Bäume, die von allen Kontinenten der Welt stammten. Oft waren Oz und Tara mit ihrer Geliebten hier gewesen. Hatten Picknicke veranstaltet und hier Stunden der Freude und Zärtlichkeit mit ihr geteilt.
Es war hier gewesen, wo Tara Willow singend die Tiefe ihre Liebe gestanden hatte, und hier hatte Xander, berauscht von Willows Duft, eine Runde Erdbeereis spendiert.
Sie gingen die vertrauten Wege entlang, vorbei an bunten Blumenbeeten, hohen Bäumen und Weihern, über die sich zierliche hölzerne Brücken spannten.
Schwäne zupften an Seerosenblättern und bisweilen konnte man unter der Oberfläche des Wassers die farbigen Schuppen der Goldfische aufblitzen sehen.
Die hellen Kiesel auf den Wegen begannen langsam in der Sonne zu trocknen, und als die beiden das Wäldchen des Parks betraten, wurden sie vom würzigen Duft des Waldes willkommen geheißen.
Einen Moment lang blieb Tara stehen. Oz drehte sich zu ihr um und sah, wie sie die Augen schloß und tief einatmete.
Der Geruch des Waldes war betäubend. Hier vermischte sich der harzige Duft der Pinien mit dem der Kiefern, und in einer kaum zu bestimmenden Nuance lag tief darunter verborgen der erdige Geruch des noch feuchten Waldbodens.
Tara öffnete ihre Augen und lächelte Oz entspannt an. Aus welchem Grund auch immer, ihr schien die Last ihrer Trauer in diesem Moment ein wenig leichter zu tragen zu sein.
Oz lächelte zurück. Ihn beschlich das merkwürdige Gefühl, in Tara eine langvermißte Freundin wiedergefunden zu haben.
Die dunkelblonde Hexe kam auf ihn zu und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange. Dann hakte sich bei ihm ein.
"Weißt du was? - Ich glaube, ich mag dich", stellte sie dabei fest. - Oz nahm es kommentarlos hin.

Schweigend waren sie durch das Waldstück gegangen. Ihnen beiden war klar geworden, daß sie nicht dazu bereit waren, zu ihren Freunden zurückzukehren.
Und so spazierten sie in ihrem stillschweigend geschlossenem Pakt, noch nicht den Rückweg anzutreten, durch den Park. Sie folgten scheinbar zufällig den Wegen, genossen den Sonnenschein und die leichte Brise auf ihrer Haut. Gemeinsam steuerten sie ihrem Ziel entgegen, ohne zu wissen, was sie taten, ohne auch nur zu erahnen, wohin sie ihre Füße trugen.
Erst als sie dort ankamen, erkannten sie es.
Jenseits des Waldstücks, abseits aller Hauptwege und inmitten einer kleinen lichten Wiese, stand sie.
Majestätisch, hell und einsam. - Sie gehörte nicht nach Amerika, und erst recht nicht nach Kalifornien.
Aber da war sie. Stand seit über einem halben Jahrhundert da und bezauberte mit ihrer außergewöhnlichen Schönheit die Menschen.
Die alte aus Europa stammende Trauerweide. Ihre schlanken und biegsamen Äste wogten in der sanften Brise des Windes, schienen den beiden Besuchern zuzuwinken und sie willkommen zu heißen.
Stumm und wie erstarrt standen Tara und Oz vor dem Baum, nach dessen Namen ihre Geliebte benannt worden war. Starrten ihn an und fanden keine Worte, um der Flut der aufsteigenden Gefühle einen Ausdruck zu geben.
Sanft bewegte sich dieser erstarrte Wasserfall aus Blättern und Ästen im leisen Wind.
Und nur für diejenigen, die still genug waren, um zuhören zu konnten, sang er ein stummes Lied, das von der Liebe der Toten und der Trauer der Überlebenden erzählte.

All der mühsam unterdrückte Schmerz stieg in Tara auf. Sie erinnerte sich, wie sie vor kurzem noch mit Willow lachend unter dem Baum gelegen hatte, wie sie ihr leise zugeflüstert hatte, daß sie genauso schön sei wie diese Weide.
Sie erinnerte sich an das warme Leuchten in Willows jadegrünen Augen.
An die Liebe in ihren Augen.
Und schließlich wandte sich Tara mit tränenüberströmten Gesicht Oz zu.
Sah ihn einfach nur stumm an, weil es keine Worte gab, die ihrer Trauer hätten Ausdruck geben können.
"Schschh", flüsterte er nur und strich ihr die Tränen von den Wangen.

Zögernd nahm ihr Gesicht in seine Hände. Sie war hübsch, erkannte er in diesem Moment.
Dann, ohne erklären zu können warum, beugte er sich vor und küßte Taras Stirn. Küßte ihr die Tränen von den Wangen und erstickte ihr leises Aufschluchzen mit einem sanften Kuß auf die Lippen.
Seine Hände strichen ihr dabei das Haar aus dem Gesicht - dieses überraschend starke Haar, das sich in seinen Händen so viel kräftiger und fülliger anfühlte, als Willows seidiges Haar.
Und Tara konnte nicht anders, als ihm ihre Lippen zu öffnen. Sie schloß ihre Augen und ihre Hand faßte nach seinem Hinterkopf, strich fasziniert durch die störrische dichte Haarmähne und hielt ihn fest.
Der Duft seiner Haut war ungewohnt, war rauh und ebenso kratzig wie seine Wangen. Doch die Lippen auf den ihren waren sanft, zärtlich und fest - und wie erotisch dieser Kuß doch war, dachte sie verwirrt. Was für ein sinnliches Gefühl es war, seine knabbernden Lippen und kratzigen Wangen zugleich zu fühlen.
Dann fanden ihre Zungen überraschend zueinander und zuckten ebenso überrascht zurück. Ein scharfes Einatmen auf beiden Seiten, doch da war nicht länger ein Nachdenken, da war kein Fragen ob richtig oder falsch, sondern nur noch ein Fühlen.
Beide schmeckten das Salz von Taras Tränen auf ihren Lippen, und beide fühlten eine tiefe Sehnsucht in sich aufsteigen.
Wieder berührten sich ihre Zungen. Der Abstand zwischen ihren Körpern schmolz, als Tara näher kam und sich enger an Oz schmiegte.
Ihre Zungen streichelten einander, erforschten den Mund des anderen und begannen vom Gegenüber Besitz zu ergreifen. Ihr Atem und ihre Lebensenergien vermischten sich in diesem magischen Kuß, löschten langsam die Grenzen aus, die sie von einander trennten.
Die dunkelblonde Hexe vergaß wo sie war, vergaß wen sie küßte, vergaß all ihre Trauer und gab sich vollständig der Macht und Magie dieses Kusses hin. Dieser Kuß, der sie fortführte von all dem Leid in ihrem Herzen und sie ohne Vorwarnung in eine Welt der Sinnlichkeit und Sehnsucht entführte.
Sie wurden immer leidenschaftlicher und in Taras Innerem stieg die süße Sehnsucht nach mehr auf. Wie ein Flammenmeer breitete sie sich knisternd über ihren ganzen Körper aus, und Tara wünschte sich nichts sehnlicher, als in diesem Meer zu ertrinken.
Doch da war noch etwas anderes. Etwas das sie bei weitem mehr erregt, als sie es sich hätte eingestehen wollen. Es war die Tatsache, daß in diesem Kuß etwas lag, das weder Mann noch menschlich war. Etwas, das vollkommen frei war.
Das so sehr jenseits aller menschlicher Moralvorstellungen stand, daß sie es sich nicht auch nur im entferntesten hätte vorstellen können.
Sie fühlte, daß dieses leidenschaftliche Wesen, dem sie in diesem Kuß begegnete, sie auffressen wollte, daß es sie verschlingen und sich mit ihr in so inniger Weise verbinden wollte, daß seine ungezähmte Leidenschaft sie töten würde. - Ihr Herz schlug vor Erregung schneller und das nur schwer zu ertragende Verlangen, raubte ihr fast die Besinnung. Tara fühlte wie in ihr der Wunsch aufstieg, sich von der Wildheit dieses so tief in Oz' verborgenen Wesens, verschlingen zu lassen ...

Oz wußte nicht, wie ihm geschah.
Als Tara ihm ihre Lippen öffnete und ihre Hand durch sein Haar strich, hatte auch er die Augen geschlossen.
Er hatte das Salz ihrer Tränen auf seinen Lippen geschmeckt und für einen flüchtigen Moment, hatte es ihn an Blut erinnert - an das ach so kostbare Blut der geliebten Beute, wenn sie zwischen seinen Fängen zuckte und ihr Leben aushauchte, während er in Dankbarkeit ihr Fleisch verschlang.
Doch dann begegneten sich ihre Zungen, und die Erinnerungen des Wolfes waren in der Leidenschaft des menschlichen Kusses untergegangen. Die in ihm aufsteigende Sehnsucht ließ den Teil von sich, der Wolf war, für einen Moment sanftmütig werden und sich an seine verlorene Gefährtin erinnern.
Taras Haut war weich und warm, sie duftete nach Sonnenschein und Honig. Aber tief darunter, verborgen unter dieser Süße lag eine sinnlichere, eine um so betörendere Note.
Es war der Duft des puren Lebens. Ein Duft, der so unwiderstehlich war, daß der ungezähmte Teil seiner selbst dieses Leben mit Gewalt an sich reißen und verschlingen wollte. Oz fühlte, wie die Leidenschaft und Wildheit des Wolfes wieder in ihm erwachten.

Taras Atem vermischte sich mit seinem. Seine Hände vergruben sich in die Fülle ihres Haares, und er preßte sich noch fester an die Frau, von der er vergessen hatte, wer sie war.
Er wollte sie nicht nur mit seinen Lippen schmecken, sondern wollte sie auch spüren. Der Teil von ihm, der wild und frei war, wollte sich mit der weichen warmen Beute vereinen. Denn sie roch so köstlich nach Leben, und ihr Blut würde heiß sein und ihr Fleisch süß und saftig ...
Und der Wolf erinnerte sich, daß es einmal eine Frau gegeben hatte, die Gefährtin und nicht Beute gewesen war.
Diese Frau - sie hatte nach dem Wald und den süßen kleinen Früchten des Waldbodens geduftet. Ihr Haar war seidig und weich gewesen und hatte in der Farbe des Sonnenuntergangs leuchtete. Wenn sie ihn angesehen hatte, dann hatte er erkennen können, daß sie ihm vertraute, weil sie tief in ihrem Inneren gewußte hatte, daß ein Wolf für seine Familie sterben würde.
Und es war der Wolf, der bemerkte, wie sich etwas um ihn herum veränderte. Denn die Frau, die zuerst nach Sonnenschein und Honig gerochen hatte, duftete nun nach dem Wald und den kleinen roten Beeren.

Tara hatte sich ganz dem Kuß hingegeben. Sie hatte vergessen, daß es ein Mann war, den sie küßte. Hatte vergessen, daß es Oz war, in dessen Armen sie lag.
Und dann veränderte sich etwas. Der Kuß wurde vertrauter. Die Haare, über die sie strich, waren glatt und seidig, die Haut an ihrer Wange weich und samtig.
Und mit einem Mal lag der Duft des Waldes in der Luft, vermischte sich mit der süßen Frische der Erdbeere.
Eine Hand liebkoste in vertrauter Weise ihre Brust und irgendwo in ihrem Bewußtsein flüsterte Willows Stimme 'Ich liebe dich, Tara. Aber du mußt jetzt loslassen. Werde glücklich'.

Oz hielt Willows schlanken Körper in seinen Armen. Sie preßte sich an ihn und küßte ihn mit dieser süßen Mischung aus Leidenschaft und Begeisterung. Sein Herz drohte ihm vor Freude aus der Brust zu springen. Er hielt sie fest an sich gedrückt, ließ seine Hand über ihren Körper wandern und schwor sich, sie nie wieder loszulassen. Sanft streichelte er ihre kleinen festen Brüste und vergrub seine Hände in ihren seidigen weichen Haaren.
In seinem Bewußtsein hörte er Willows Stimme sagen 'Ich liebe dich, Oz. Aber du mußt jetzt loslassen. Werde glücklich'.

Und lag da nicht wirklich der Duft wilder Erdbeeren in der Luft? Fühlten sie nicht beide, wie ihre Finger durch seidiges Haar strichen? Hielten sie nicht wirklich für einen Moment Willows starken schlanken Körper in ihren Armen?
Irgendwo in einer fernen himmlischen Dimension blitzten smaragdfarbene Augen schelmisch auf, rotes Haar leuchtete schimmernd im Sonnenschein und ein fröhliches Lachen hallte durch ihr beider Bewußtsein.

Die Leidenschaft und Magie des Kusses verklang, und ihre Augen öffneten sich.
Kaum merklich trennten sich ihre Lippen und nur zögernd gaben sie einander frei. Was hier geschehen war, bedurfte keiner Erklärung.
Willow war für einen Moment zu ihnen zurückgekehrt und hatte sich von ihnen verabschiedet. Ihr Duft lag noch in der Luft und immer noch brannte ihren Willows Kuß auf den Lippen. In ihren Herzen aber trugen sie die Gewißheit, daß ihre Geliebte, wo auch immer sie sein mochte, glücklich war.

Noch einmal küßten sie sich. Zögernd und vorsichtig, behutsam und in Respekt vor dem, was geschehen war. Sie strichen sich zärtlich über die Wangen, suchten nach dem Blick des Gegenübers und konnten nur schwer einander loslassen.
Keiner von ihnen sprach. Zu kostbar war dieser Augenblick, von dem sie beide wußten, das Worte ihn nur zerstört hätten.
Und so trennten sie sich. Schweigend und nur mit einem stillen letzten Händedruck. Sie gingen beide in eine Zukunft ohne die Frau, die ihre beider Herzen berührt hatte ...

* Ende *
* Gedicht von Khalil Gibran
Wolfsmond, leider noch nicht fertiggestellt