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| London Calling - Teil 2 - Ein Tag mit Giles | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| betagelesen von Natalie | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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London konnte einem wahrhaftig die Sprache verschlagen. Giles hatte beim Frühstück vorgeschlagen, daß sie an diesem Sonntagmorgen auf den Straßenmarkt in Camden Town gehen sollten. Er meinte, dies wäre genau der richtige Einstieg für den ersten Tag in London. Es war nun Mitte September und langsam ging der Spätsommer in den Herbst über. Doch für diesen Tag hatte sich der Sommer noch einmal mächtig ins Zeug gelegt und überraschte Buffy mit einem unvergeßlich schönen Sonnentag. Es war kurz nach 10 Uhr gewesen, als sie aus der Tube kamen und nun spazierten sie die Camden High Street in Richtung des Regents Canal herunter. Der Straßenmarkt Camden Towns war eine bekannte touristische Attraktion. Überall hatten Händler am Straßenrand ihre kleinen Stände geöffnet und boten ihre Waren feil. Autos schienen sich bei den Menschenmassen kaum auf die Straße zu wagen und wenn, dann fuhren sie vorsichtig im Schrittempo oder entnervt hupend die Straße entlang. Giles hatte Buffy schon mehrmals am Arm gepackt und zurückgezogen, da sie immer in die falsche Richtung schaute, bevor sie die Straße überqueren wollte. Was fuhren die Engländer auch links! Der warme Tag hatte eine Menge Selbstdarsteller und Straßenkünstler nach Camden Town gelockt. Drag Queens flanierten die Straße entlang, ebenso stylish herausgeputzte Punks und Goths. Touristen schossen wie wild Fotos und wurden dafür auch von den Punks zur Kasse gebeten. - Die Jungs und Mädels waren sich ihres touristischen Marktwertes durchaus bewußt. Und regelmäßig bildeten sich Menschentrauben um Straßenkünster, die man in London Busker nennt. Der sonntägliche Straßenmarkt war sicherlich kein Platz für jemanden, der in einer Menschenmasse in Panik geraten würde. Ein Vorwärtskommen war manchmal nur mit viel Geduld und einer Prise trockenem britischem Humor möglich. - Außerdem war es in diesem Gedränge empfehlenswert, auf seine Wertsachen zu achten. Am Camden Lock, der am Ufer des Regent Canals lag und am Commercial Place, zwischen Viadukt und Regent Canal, war das größte Gewimmel. Hier quetschte sich ein Stand an den anderen und das bunten Durcheinander der hier angebotenen Waren verschlug Buffy die Sprache. Überall waren Stände mit Antiquitäten, Silber- und Ethno-Schmuck. Andere wiederum boten limitierte Auflagen von selbstgeschneiderten Kleidungsstücken an, die in ihrer Verarbeitung, dem Design, der Originalität und Qualität in keinster Weise den Vergleich mit nobler Designerware zu scheuen brauchten. An den Ständen, die in großen Kisten hunderte von Schallplatten anboten, blieb Giles oft stehen, um sich durch die abgegriffenen Plattenhüllen zu wühlen. Ab und zu zog er die eine oder andere Platte aus der Hülle und überprüfte deren Qualität, indem er sie im Licht der Sonne hin und her wendend, nach Kratzern absuchte. Wenn Buffy so neben ihm stand, und ihm dabei zusah, fühlte sie, wie in eine tiefe Zuneigung zu dem großen Mann neben ihr aufstieg. Für viele Jahre war er ihr Wächter gewesen. Ihr Lehrmeister und Mentor. Stets war er für sie da gewesen. Als väterlicher Freund und als verläßlicher Kampfgefährte. Nur wegen ihr hatte er sich mit dem Rat überworfen und war ausgeschlossen worden. Immer noch machte sie sich deswegen Vorwürfe. - Sie wußte, daß ihm seine Berufung zum Wächter viel bedeutete. Um so härter mußte ihn der Ausschluß aus dem Wächterrat getroffen haben. Dennoch hatte sie sich selbst danach bedingungslos auf ihn verlassen können. Immer war er für sie da, wenn sie ihn brauchte. Als hilfreicher Lehrer oder wertvoller Ratgeber. Ohne ihn ... und daran gab es keinen Zweifel ... wäre sie schon längst nicht mehr am Leben. Sie mußte lächeln, als sie ihn so in seine eigenen Gedanken vertieft, neben sich stehen sah. Längst schon hatte er in ihrem Herzen die Stelle des Vaters eingenommen. Wann es geschehen war, konnte sie nicht genau sagen. Irgendwann eben. Und sie wußte, daß er für sie die gleiche fürsorgliche Liebe wie zu einer Tochter empfand. Sie konnte es sehen. Jedesmal wenn er sie - mal besorgt, mal mit Stolz - ansah. Die Sonne wärmte ihr den Rücken und tausend verschiedene Gerüche lagen in der Luft. Der Lärm der Menschen um sie herum war für einen Augenblick verblaßt. Sie fühlte sich rundum zufrieden. Ihr Wahlvater stand hier neben ihr, inmitten des Gewühls hunderter von Menschen und es gab nichts, das sie bedrohte oder um das sie sich Sorgen machen mußte. Sie war glücklich! Giles steckte die Platte in ihre Hülle und fragte den Verkäufer nach dem Preis. Neugierig sah sie auf das Cover. Es war dunkelgrün gerahmt und ein haariger bärtiger Kerl in ländlicher Kleidung hielt zwei große Pferde an ihren Zügeln. Jethro Tull stand auf dem Cover: Heavy Horses. - Wer war Jethro Tull? Definitiv eine andere Generation, dachte Buffy, nahm sich aber insgeheim vor, mal in die Platte reinzuhören. Giles zahlte und wirkte wie ein Mann, der sich gerade einen lang gehegten Wunsch erfüllt hatte. Er sah sie äußerst zufrieden an, und sie konnte nicht anders, als sich bei ihm einzuhaken und ihn glücklich anzustrahlen. Für einen Moment wirkte er überrascht. Doch dann verstand er und lächelte zurück. Sie brauchten keine Worte, um sich ihre Zuneigung einzugestehen. Gemeinsam schlenderten sie weiter über diesen gigantischen Straßenmarkt, der noch viel zu bieten hatte. Die Zeit war wie im Flug vergangen und mit einem Mal war es schon Nachmittag! Sie hatten zwischendurch öfter einen Zwischenstopp eingelegt, um ein wenig zu verschnaufen und in Ruhe etwas zu trinken. Doch jetzt ließ sich das Hungergefühl nicht länger ignorieren. Außerdem begannen Buffy die Füße weh zu tun. Sie waren inzwischen mehr als fünf Stunden unterwegs, und immer noch gab es Neues zu entdecken. Dieser Markt schien kein Ende zu haben! "Giles", stöhnte Buffy, "ich brauche dringend 'ne Pause." Der große Mann drehte sich mit einem erleichterten Gesichtsausdruck ihr zu und stöhnte ebenfalls auf: "Und ich dachte schon, du würdest das niemals sagen!" Sie lachten beide auf. "Was meinst du," fragte Giles, "sollen wir uns ein paar von den Baguettebrötchen holen, die es da hinten gab? Wir könnten dann noch eine gemütliche Fahrt nach Little Venice unternehmen. - Das wäre bestimmt netter als sich jetzt in die vollen Cafés zu setzen." "Klar. Hauptsache was essen und hinsetzen!" Ihre Füße mußten inzwischen schon Big Foot Ausmaße angenommen haben! Sie wollte sich einfach nur noch hinsetzen und ausruhen. Der Stand lag auf ihrem Weg zur Camden Schleuse und so deckten sie sich mit knusprigen lecker dickbelegten Baguettes ein und gingen zurück in Richtung Camden High Street bis zur Schleuse. Dort standen die kleinen bunten Boote, mit denen man die eineinhalb Stunden dauernde Fahrt nach Little Venice unternehmen konnte. Es war kurz nach 18 Uhr, als sie von ihrem Bootstrip von Little Venice wieder in Camden Town eintrafen. Buffy war wie erschlagen von all den Eindrücken des Tages, und der Jet-lag hatte sie nun doch noch eingeholt. Sie gähnte müde und rieb sich die brennenden Augen. Die Fahrt auf dem Regent Canal hatte ihr sehr gut gefallen. Sie waren an Häuserreihen vorbeigeschippert, die mehr an Amsterdam denn an Venedig erinnerten. Am Ufer lagen bunte Hausboote vor Anker und manche waren zu Cafés oder Restaurants umfunktioniert worden. Der Regent's Park selbst war, soweit sie es vom Kanal aus beurteilen konnte, wunderschön. Obwohl sie davon nicht allzuviel zu Gesicht bekommen hatte, da der Kanal nur den äußeren Rand des Parks streifte. Weidenbäume hatten das Ufer gesäumt und ihre langen dünnen biegsamen Äste dem Wasser entgegen gestreckt. Buffy hatte sich in diesen Augenblicken gefragt, was wohl Willow gerade machen würde. Giles wollte ihr von der Geschichte des Kanals erzählen, hatte aber dann eingesehen, daß sie viel zu erschöpft war, um ihm zuzuhören. Sie hatte sich einfach nur müde an seine Schulter gelehnt und zufrieden schweigend, hatten sie beide dabei zugesehen, wie Enten und Schwäne mit den Booten um die Wette schwammen. Der blaue Himmel hatte sich langsam rot gefärbt, während Vogelschwärme über den Bäumen am Ufer kreisten, um sich dort einen nächtlichen Schlafplatz zu suchen. Nach der Hektik des Tages war dies ein schöner Abschluß gewesen. Nun standen sie beide in der grell beleuchteten ungemütlichen Tube Station Camden Towns und warteten auf die nächste Bahn der Northern Line. Schon konnte Buffy den warmen Luftzug fühlen, der ihr aus dem Tunnel entgegenströmte, und sie sah die Lichter des Zuges im Dunkel. Erleichtert lächelte sie Giles zu. Nur drei Stationen später stiegen sie in Hampstead aus und gingen die Holford Road entlang, bis sie schließlich vor dem Sandringham stehen blieben. "Ich komme noch mit, Buffy", sagte Giles, "es gibt ein paar Dinge, die ich mit Reggie besprechen muß. Und wir könnten uns auf einem Tee in der Lounge treffen, um zu besprechen, was du dir hier in London oder auch in der Umgebung gerne ansehen willst." "Gute Idee, Giles. Aber ich werde zuerst noch kurz auf mein Zimmer gehen, um mich zu duschen und umzuziehen. Sonst schlafe ich Ihnen glatt ein!" Als Buffy nach dem Haustürschlüssel kramte, öffnete sich vor ihnen die Tür und ein paar Pensionsgäste kamen ihnen entgegen. Es war ein indisches Pärchen und die Frau war ganz traditionell mit einem Sari bekleidet. Der Mann hatte sich gerade noch einmal in der Tür umgedreht und rief nach hinten: "Danke für den Tipp, Reggie. Wir werden darauf achten." Die junge Inderin lächelte derweil Buffy freundlich an. Sie alle wünschten sich Guten Abend und der nett aussehende Inder hielt ihnen noch die Tür auf. Ihre Gastgeberin hatte im Hintergrund an der großen Rezeption gestanden. Nun kam sie ihnen entgegen und sagte: "Hallo, ihr beiden. Wie war euer Tag in Camden Town? Irgendwelche interessanten Dinge gekauft?" Giles zog die Platte aus seiner Tasche und hielt sie ihr strahlend entgegen: "Wow ... Toll! Heavy Horses. Ist sie in einem guten Zustand?" "Perfekt und makellos!", entgegnete Giles stolz, "magst du sie dir mal ausleihen?" Die dunkelhaarige Frau nickte begeistert und ihre braunen goldgesprenkelten Augen blitzten jetzt freudig auf. "Braune Augen?", fragte sich Buffy. Hatte sie heute Morgen nicht blaue Augen gehabt? Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Dann lächelte Buffy Reggie freundlich an und sagte zu Giles: "Ich gehe hoch und mache mich frisch. Sehen wir uns in etwa 'ner halben Stunde in der Lounge?" Giles nickte und die Jägerin ging zum Fahrstuhl. Sie hatte überhaupt keine Lust, die Treppen bis in den dritten Stock hochzugehen. *** Giles war schon in die Lounge vorausgegangen, während Reggie noch Tee holte. Er hatte sich in eine ruhige Ecke gesetzt und ließ seinen Blick über die große Lounge schweifen. Es war beeindruckend, was Reggie aus dem alten Herrenhaus gemacht hatte. Giles erinnerte sich noch viel zu gut daran, wie gebrochen sie nach Leos Tod war. Ihren geliebten Mann zu verlieren, hatte sie vor Kummer und Schmerz fast in den Wahnsinn getrieben. Dieses Haus und ihre Gäste waren inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden. Er selbst hatte sich in den letzten Jahren nur noch selten bei seiner alten Freundin sehen lassen. Seitdem er zu Buffys Wächter berufen worden war, hatte er kaum noch Zeit für seine alten Freunde in England gehabt. Und Buffy war ihm inzwischen wie eine Tochter ans Herz gewachsen. Er hatte den heutigen Tag mit ihr sehr genossen. Die schwere hölzerne Loungetür öffnete sich lautlos, als einer der Pensionsgäste die Lounge betrat. Es war ein älterer Japaner, der ihm zunickte und direkt zur Regalwand ging, die randvoll mit Büchern gestopft war. Es mußten Tausende in den Regalen stehen. Giles hatte sich erst vor wenigen Tagen fasziniert durch die Buchmassen gearbeitet, als er bei Reggie aufgetaucht war, um nach einer Unterkunft für Buffy zu fragen. Dabei hatte er festgestellt, daß in den Regalen unbezahlbare Schätze lagen. Auf seine Frage hin, ob sie denn nicht befürchtete, daß jemand ein Buch entwenden könnte, hatte Reggie ihn aufgefordert, doch ein Buch nach draußen mitzunehmen. Er hatte ihr den Gefallen getan. Denn kaum daß sie die Worte gesagt hatte, konnte er sich vorstellen, was sie getan hatte. Aber Reggie liebte nunmal solche kleinen Spiele. Er hatte sich einen der schweren Folianten genommen und war damit über die Türschwelle getreten. Kaum daß er das Haus verlassen hatte, verschwand auch schon das Buch aus seiner Hand. Als er in die Lounge zurückkehrte, hielt es Reggie mit einem breiten Lächeln in ihren Händen. Spellbound hatte sie nur gesagt. Er nahm an, daß noch so manche andere magische Überraschung im Haus steckte, aber er hatte nicht nachgefragt. Die meisten der Stammgäste waren ohnehin keine normalen Menschen. Wer konnte schon sagen, was für ein Wesen der Japaner dort drüben war? Dieser stand allerdings ein wenig ratlos vor der langen Regalwand, die einen großen Kamin einrahmte. Er starrte auf die tausenden von Büchern und man konnte ihm ansehen, daß er nicht wußte, wo er anfangen sollte zu suchen. Die Tür ging auf, und Reggie kam mit einem Tablett, auf dem eine Kanne und zwei Tassen standen, herein. Sie sah den Mann, der so ratlos vor den Büchern stand. "Guten Abend, Herr Yoshida. Kann ich Ihnen weiterhelfen?" Giles stand auf und nahm Reggie das Tablett ab. Sie ging nun zu ihrem Gast und verneigte sich in typisch japanischer Art vor ihm. Dieser erblaßte bei ihrer Höflichkeitsgeste und verneigte sich noch tiefer vor ihr. "Ihr erweist mir große Ehre, hochedle Dame Rhys. Ich weiß, daß einige Originalschriften des Gorin-no-sho des Meisters Miyamoto Musashi in Euerem Besitz sind. Ich gestehe, daß ich danach suche." Reggie nickte und flüsterte kaum hörbar ein paar Worte. Aus einer der obersten Regalreihen löste sich eine schlichte Holzschatulle, kam heruntergeschwebt und landete schließlich in Reggies Händen. Sie übergab diese mit einer leichten Verbeugung an Herrn Yoshida. Er nahm sie mit einer tiefen Verbeugung entgegen und verließ mit einem feinen Lächeln auf den Lippen die Lounge. "Japaner ...", seufzte Reggie, "sowas von höflich." Giles hatte derweil schon den Tee eingeschenkt. Der köstliche Duft von Bergamottöl lag in der Luft. Er nahm sich die Brille ab und erschöpft massierte er sich die Druckstellen auf seinem Nasenrücken. Der Tag hatte ihn wirklich geschafft! Er warf einen prüfenden Blick auf Reggie, die sich ihm gegenüber in den bequemen Sessel setzte. In all den Jahren, die er sie kannte, hatte sie sich nicht verändert. Ob Magie ihre Finger da im Spiel hatte, wußte er nicht. Aber Tatsache war, daß Reggie von zeitloser Schönheit war. Es war unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Sie hatte volles, weit über die Schultern reichendes rabenschwarzes Haar. Ihre leicht gebräunte Haut verlieh ihr ein gesundes und strahlendes Aussehen. Wenn sie lachte, blitzten ihre ebenmäßigen Zähne wie Perlen hinter ihren Lippen. Doch das wirklich Fesselnde in ihrem makellosen Gesicht waren ihre Augen. Überall in ihrer Iris verteilt waren unregelmäßig große Tupfen von Gold. Und diese waren das einzig konstante in ihren Augen. Ansonsten wechselte sie ihre Augenfarbe - je nach Stimmung - wie ein Chamäleon. Heute morgen waren ihre Augen noch dunkelblau gewesen. Jetzt aber sahen sie ihm mit einem freundlichem braun entgegen. Giles hatte es schon immer geliebt, Reggie in die Augen zu sehen. Und es hatte sogar einmal eine Zeit gegeben, in der er in sie verliebt gewesen war. Das war wenige Jahre nach Leos Tod gewesen. Doch er hatte stets gewußt, daß er für sie nie mehr sein würde, als ein guter Freund. Nur manchmal versetzte ihm die Erinnerung daran noch einen kleinen Stich. - Doch es hatte nicht sein sollen. Giles griff nach der Teetasse, schloß die Augen und atmete den aufsteigenden warmen Duft ein. Earl Grey Tee vermochte immer wieder seine Sinne zu beleben. In kleinen Schlücken trank er von dem heißen Getränk. "Worüber sinnierst du so lange, mein alter Freund?" drang Reggies leise Stimme in seine Gedanken. Er öffnete die Augen und lächelte sie entschuldigend an. "Ach ... entschuldige bitte. Ich habe geträumt. Der Tagestrip mit Buffy hat mich echt geschafft! Wenn ich eins heute dazugelernt habe, dann, daß ich niemals wieder einen Trip mit jemandem über den Camden Market machen werde, der gerade mal halb so alt ist wie ich!" Mit einem erschöpften Seufzen stellte er die Tasse ab. Dann zog er die Brille auf und sah sich noch einmal in der Lounge um. Es war ein schöner Raum. Eigentlich fast schon ein Saal. Der erste Eindruck, den man von der Lounge bekam, wurde geprägt von dem großen Kamin und den vielen blühenden Pflanzen. Im Raum verteilt standen zudem noch größere Solitärpflanzen, die vor allzu neugierigen Blicken schützende kleine Zufluchten bildeten. Reggie hatte ein Faible für Pflanzen. Erst danach bemerkte man die vielen Bücher, die die Regalwände bis zur Decke hoch füllten. Wände und Decke waren holzverkleidet und auch in diesem Raum hingen große funkelnde kristallene Kronleuchter. Überall verteilt standen kleinere gemütliche Sitzgruppen mit Beistelltischen und separat zuschaltbare Tisch- und Leseleuchten. Vor dem Kamin luden zwei riesige Ledersessel mit ihren hohen Rückenlehnen dazu ein, in ihnen Platz zu nehmen und darin zu versinken. An die Wänden gerückt standen vereinzelt gediegene, dickgepolsterte Sofas, die mit ihren farbenfrohen edlen Bezügen im Ethnodesign, einen angenehmen Kontrast zu der restlichen, eher traditionellen Einrichtung bildeten. Die der Straße zugewandte Seite des Raumes war mit einer durchgehenden Fensterfront ausgestattet, die von bunten Glasmosaiken und mittelalterlichen Jagdszenen durchbrochen war. "... und zufrieden?" hörte er Reggie fragen. So sehr war er in seine Betrachtungen versunken gewesen, daß er sie darüber vergessen hatte. Er bemerkte ihr Schmunzeln bei seinem überraschten Blick: "Ich bin fix und fertig. Ein Tag mit der Jägerin in London schafft mich mehr, als eine Nacht Dämonen jagen!" Dann beugte er sich vor: "Hast du sie dir angesehen?" Reggie nickte und trank ihre Tasse leer. Sie stellte sie weg und beugte sich ebenfalls vor. Leise sagte sie:. "Ja. Und was ich wahrgenommen habe, ist erstaunlich." "Erstaunlich oder bedrohlich?" "Nein ... mache dir keine Sorgen. Ich sagte erstaunlich. Und das meinte ich ganz genauso, wie ich es sagte. " Giles sah sie neugierig an. Für gewöhnlich machte es Reggie nicht so spannend. "Du hattest gesagt, daß sie glaubt, in einer der himmlischen Sphären gewesen zu sein ... und ich denke, sie hat damit recht." Er blickte sie zweifelnd an und wollte etwas sagen. Doch die dunkelhaarige Frau schüttelte den Kopf. "Hör mir zu, Rupert. Du kennst meine Begabung. Und wenn ich mir das Mädchen ansehe, kann ich das Strahlen, das von ihrer Seele ausgeht, kaum ertragen. - Sie ist ganz sicher verändert worden. Darin hast du vollkommen recht. Doch anders als du glaubst, wurde sie dadurch nicht zum Nachteil verändert. Ich denke, du mußt ihr nur Zeit geben, mit dem Schock zurechtzukommen. - Es muß entsetzlich für sie sein, wieder hier im irdischen Dasein gefangen zu sein. Wenn ich die Erinnerung an diese andere Existenz in ihr sehe ..." Reggies Stimme war immer leiser geworden. Sie verstummte, als ob sie nicht die Kraft hätte, darüber zu sprechen. Überrascht sah Giles, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Er nahm tröstend ihre Hand. "Entschuldige, Rupert. Ich wünschte nur, du könntest sie mit meinen Augen wahrnehmen. Ich habe nur selten etwas so wunderschönes und vollkommenes in einer menschlichen Seele gesehen." Traurig blickte Giles sie an. Fast wünschte er sich, sie hätte etwas anderes gesagt. Es wäre so viel einfacher gewesen, zu wissen, daß sich Buffy alles nur einbildete, um vielleicht schreckliche Erinnerung an eine höllische Dimension erträglich zu machen. - Aber sich vorzustellen, daß sie aus dem Himmel gerissen worden war ... Die Tür öffnete sich und Buffy trat ein. Suchend sah sie sich um. Dieses Haus war einfach umwerfend! Schon die Lobby des Sandringham war von außergewöhnlicher Schönheit. Man betrat das Haus, und es war, als würde man ein anderes Jahrhundert betreten. Bis auf den Speisesaal waren alle Räume mit Holz ausgekleidet. Die Lobby empfing einen mit warmen Kirschholz. Die Rezeption war meist von den selben Leuten besetzt, so daß man stets einem vertrauten Gesicht begegnete, wenn man eintrat. Von der Decke hingen selbst dort wunderschönen Kristallüster, die wie eine Ansammlung von Juwelen glitzernd und kostbar ihr samtenes Licht im Raum verteilten. Im Flur und im ganzen Haus gab es Nischen mit kleinen marmornen oder aus Bronze gefertigten Skulpturen, die vermutlich irgendwelche Gottheiten darstellten. Buffy konnte mit den wenigsten von ihnen etwas anfangen. Doch ab und zu erkannte sie eine der alten Gottheiten. Zum Beispiel stand auf ihrem Stockwerk eine Statue der Göttin Kali - allerdings hatte sie diese auch nur an ihren vielen Armen und der Totenkopfkette erkannt. Und überall im Haus standen Pflanzen. Große Solitärpflanzen ebenso wie kleinere prächtig blühende Pflanzen. Alles in allem war dieses Haus sehr individuell und entsprach überhaupt keinem Klischee, daß man sich von einer englischen Hotelpension machen würde. Das gleiche traf natürlich auch auf ihre Gastgeberin zu. Die große schlanke Frau hatte sie gestern mit großer Freundlichkeit empfangen und keinen Zweifel daran gelassen, daß sie hier willkommen war. Mrs. Rhys hatte ihr von Anfang an gesagt, daß sie sich keine Gedanken darüber zu machen hatte, was die Kosten der Unterkunft anginge, sondern daß sie als Hausgast so lange bleiben konnte, wie sie es wünschte. Heute morgen am Frühstückstisch hatte sich ihre Gastgeberin kurz zu ihnen gesetzt und ihr angeboten, sich beim Vornamen zu nennen. Sie meinte, sie würde sich dabei wohler fühlen. - Sie wurde ohnehin von den meisten ihrer Gäste beim Vornamen gerufen. Und nach dem, was Buffy inzwischen mitbekommen hatte, entsprach das tatsächlich der Wahrheit. Und auch wenn es ihr ein wenig ungewöhnlich vorkam, hatte sie sich dazu entschieden, ihr diesen Gefallen zu tun. Wenn das alles war, was ihre Gastgeberin von ihr wollte ... Giles, der das Aufgehen der Tür gehört hatte, drückte noch einmal dankbar Reggies Hand und stand auf. Buffy lächelte erleichtert, als sie ihn sah. "Hey Giles", sagte sie grüßend. Ihr Haar war immer noch ein wenig feucht, und ein frischer fruchtiger Duft hing an ihr, der sich mit dem Geruch nach Zahnpasta vermischte. Buffy hatte sich bequeme Jeans angezogen und ein weites Hemd darübergezogen. In ihren Händen hielt sie jede Menge Infomaterial über London. Willow hatte es ihr mitgegeben und dabei nicht aufhören können zu sagen: "Oh, und dann mußt unbedingt in das British Museum gehen ... und natürlich mußt du dir den Buckingham Palace ansehen ... und vergiß ja nicht in den Tower of London zu gehen ... und sehe dir auf jeden Fall das Museum of Science an ... und das Museum of London ... und das Victoria and Albert Museum ... die National Gallery ... Museum of Mankind ..." Buffy lächelte, als sie sich daran erinnerte. Dann bemerkte sie, daß auch ihre Gastgeberin hier war. "Oh! Hallo Reggie", sagte sie, "hoffentlich störe ich nicht gerade." Sie blickte Giles an: "Wir können das Ganze auch auf Morgen verschieben." Reggie beeilte sich aufzustehen und sage: "Nicht wegen mir, Buffy. Ich muß ohnehin gehen und mich noch um einiges kümmern - so eine Pension muß betreut werden." An Giles gewandt fuhr sie fort: "Ich denke, wir haben so weit alles besprochen, oder?" Dieser nickte. Reggie ging zu Giles und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange, als sie sagte: "Wir sehen uns dann Morgen zum Frühstück, mein Freund. Es ist schön, daß wir uns jetzt wieder öfter sehen werden." Buffy hatte diese Szene mit immer größer werdenden Augen beobachtet. Dann blickte die große Frau noch einmal zu ihr: "Wie sieht es aus? Möchtest du noch etwas warmes trinken? Tee, Kakao, Kaffee? Oder lieber etwas anderes?" "Ein Kakao wäre lecker." "Mit Sahne?" Buffy strahlte ihre Gastgeberin an. Reggie mußte schmunzeln. "Ich schicke jemanden vorbei." Mit diesen Worten verließ sie die Lounge. Giles und sie setzten sich hin. Immer noch hielt Buffy all die Bücher und Broschüren in ihren Händen. "Wissen Sie, Giles, als Sie mir sagten, daß Sie mich bei einer alten Freundin unterbringen würden, hatte ich mit allem gerechnet ... aber nicht damit!" Giles sah sie verwundert an. "Ach kommen Sie, Giles. Reggie ist ja wohl nicht gerade eine alte Freundin." Buffy sah ihn neugierig an. Konnte es sein, daß ihre Feststellung Giles gerade in Verlegenheit brachte? Sie hoffte, daß er ein wenig mehr über seine Freundschaft zu Reggie erzählen würde. Sie war ja so schamlos neugierig. Ganz besonders nach diesem Kuß. "Nun ja. ... ähem ... äh ...", stotterte Giles herum und räusperte. Verlegen nahm er die Brille ab, und fing an, diese ausgiebig zu putzen. Buffy hatte ihn dabei die ganze Zeit im Auge behalten. Dann beugte sie sich mit einem stillen Lächeln vor und fragte unschuldig: "Sagen Sie mal, Giles, werden Sie gerade rot?" *** Tief verborgen unter der Erde, in einer Realität direkt neben der unseren, war ein leises undeutliches Murmeln zu hören. "Die Auserwählte ist gekommen!" Ein Rascheln, wie trockenes Laub, war zu hören. Tausende Stimmen wisperten müde und erschöpft. "Ich will nicht ... Laß mich! ... Ich habe schon lange den Glauben verloren." Doch dann machte sich langsam Unruhe breit. Ein leises Flüstern, eine zögernd gestellte Frage erfüllte den Raum. "Sie ist hier?" "Sie ist hier!" Ungläubige Stille. "Und der Widersacher? Er kommt?" "Ja, er kommt." *** Der schwarze lichtschluckende Schatten erwachte nur kurz aus seinem Schlaf. Wie ein orientalischer Fürst ruhte er auf seinem in allen Farben des Regenbogens schimmernden leuchtenden Lager. Das entsetzliche Ding griff in das Leuchten hinein und zog ein kleines strahlendes Licht heraus. Er preßte es an seine Brust und einen Moment lang schien es, als würde er es sich ans Herz drücken wollen. Doch das strahlende Licht verschwand einfach nur spurlos in seinem finsteren Körper. Ein entsetzter gequälter Aufschrei hallte durch das Bewußtsein des Schattens. Das Monster war zufrieden, drehte sich um und schlief wieder ein. *** Weiter: Es beginnt! | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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