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"Ich kann deinen Verlust ermessen", hörte Buffy eine leise Stimme hinter ihrem Rücken sagen.
Die Jägerin zuckte erschreckt zusammen. Sie war sich sicher gewesen, allein zu sein. Beunruhigt drehte sie sich um.

Die Stimme gehörte zu einem jungen Mann. Einem Mann von solcher Schönheit, daß es Buffy für einen Moment den Atem verschlug.
Langsam trat er aus dem Schatten der Bäume und ging auf sie zu. Irgend etwas an ihm erinnerte Buffy in an Angel.

"Wer sind Sie?" fuhr ihn Buffy an. Sie hatte keine Lust ein Gespräch. Schließlich hatte sie sich hierher zurückgezogen, um allein zu sein, um nachdenken zu können. Sogar ein Kampf wäre ihr lieber gewesen, als jedes noch so kurze Gespräch.
Doch dann fielen ihr die seltsamen Worte des Mannes wieder ein. Argwöhnisch blickte sie ihn an.

"Und was soll das mit dem Verlust bedeuten? Ich verstehe nicht …"

Buffy saß auf einem großen querlegendem Baumstamm an den Ausläufen des Waldgebiets, das Sunnydale zur Seite der Berge umgab. Sie hatte sich davongestohlen, vorgegeben auf Patrouille gehen zu wollen. Doch in Wirklichkeit hatte sie nur allein sein wollen. Hatte für eine kurze Zeit all ihren Pflichten entkommen wollen. Einfach nur um sie selbst zu sein.

Doch genau das war der Knackpunkt. Wer war sie eigentlich?

Ihre Füße hatten sie immer weiter und weiter weg von Sunnydale getragen, während sie über diese Frage nachgrübelte und unfähig war, darauf eine Antwort zu finden. Schließlich hatte sie aufgehört darüber nachzudenken und sich an dieser Lichtung am Waldesrand auf den Baumstamm gesetzt, während sie im Licht der Sterne vor sich her starrte.

Sie war die Jägerin, die Auserwählte ihrer Generation. Das war die einzige Antwort, die ihr eingefallen war.

Und sie war Schwester - obgleich sie das nie verstanden hatte. Denn auch wenn sie sich nicht an eine Zeit ohne Dawn erinnern konnte, so war Dawn doch eigentlich nicht ihre Schwester, sondern ein Teil von ihr, den die Mönche von ihr genommen, die mystische Energie des Schlüssels damit verschmolzen hatten, ihm menschliche Form gaben und ihr selbst die Erinnerung an eine Schwester, die sie nie gehabt hatte.
Verstanden hatte sie das nie! Denn in ihrem Herzen fühlte sich Dawn wie ihre kleine Schwester an - gleichgültig, wann diese Erinnerung in ihr Bewußtsein getreten war.
Trotzdem gab es da diesen anderen Teil in ihr, dem es nicht gefiel, daß er so manipuliert worden war. Der es als ungerecht empfand, daß irgendwelche Mönche sie und alle anderen, die sie liebte, für ihre Zwecke benutzt hatten.

Ihre Erinnerungen an Dawn waren allesamt falsch. Buffy wußte es. Sie wußte, daß sie sich an eine Schwester erinnerte, die sie nie gehabt hatte. Und das war es, was Buffy so wütend machte.
Denn in allerletzter Konsequenz hatte diese Manipulation zu ihrem Tod geführt.
Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. - Denn der Tod war ihre Gabe.

Sie hätte alles getan, um die Welt zu retten. Und sie würde es immer wieder aufs Neue tun. Diese vollkommene Hingabe war so sehr ein Teil ihrer selbst, das es jede Manipulation unnötig machte.
Und vielleicht war es auch das, was sie so wütend machte, wenn sie dieses Thema in Gedanken kurz streifte. Es machte sie so sehr wütend, daß sie es nicht wagte, länger als nur einen winzigen Moment daran zu denken.

Sie war die Jägerin. Der Tod war ihre Gabe. So einfach war es. Und es spielte keine Rolle, ob sie ihn brachte oder empfing. Er war ganz einfach ihr Geschenk an die Welt.

Als sie damals sprang, um mit ihrem eigenem Blut und Leben das Tor zu versiegeln, hatte sie gewußt, das es richtig und gut war. Sie hatte keine Zweifel gehabt, keine Furcht.

Und in dem Moment, in dem das Energiefeld sie einhüllte und sie tötete, hatte sie sich wie von einer liebenden Hand aufgefangen gefühlt. Alle Unsicherheit, all ihre Selbstzweifel waren einfach von ihr abgefallen.
Sie hatte sich geliebt und angenommen gefühlt. Hatte mit absoluter Gewißheit gewußt, daß sich in diesem Augenblick der Kreis ihres Lebens schloß und mit dieser letzten Tat ihre Aufgabe vollendet war.

Für die Zeit danach gab es keine Worte. Alles war vollkommen und perfekt gewesen. Alles war heil und sie war Teil des Ganzen, ja, sie selbst war das Ganze gewesen. Sie hatte geliebt und war geliebt worden.
Es hatte keine Abgrenzung gegeben, keine Dualität, keine Aufspaltung in Licht oder Schatten, in Gut oder Böse. Ja, nicht einmal in Leben oder Tod.

Alles war eins, und im Einssein war Vollkommenheit. Unendlich und ewig dauerte dieser Zustand an …

… bis er endete …

    2    

"Wer sind Sie?" wiederholte Buffy ihre Frage.

Der Tonfall in ihrer Stimme war jetzt weniger abweisend, vielmehr schwangen Resignation und Müdigkeit mit.
Denn das war es, was sie war.
Sie war müde ... sie war so unendlich müde, daß sie kaum die Kraft fand, morgens aufzustehen. Ihre Knochen schienen aus Blei gegossen zu sein, ihre Muskeln waren träge und steif.
Jeder Schritt schmerzte sie. Es war, als müsse sie Tag für Tag barfuß über zerbrochenes Glas gehen. Jeder Atemzug war qualvoll und tat weh.
Das Essen schmeckte fad, fühlte sich fremd und stachlig in ihrem Mund an, und alles, was sie trank, schmeckte abgestanden und faulig. Die Luft war erfüllt von Gestank und widerwärtigen Gerüchen, und der Lärm um sie herum unerträglich.

… und ihre Freunde?

Sie erwarteten von ihr, daß sie dafür dankbar sein sollte.

"Hören Sie", wandte sich Buffy mit leiser Stimme an ihren unbekannten Besucher, während sie mit leerem Blick auf den Waldboden starrte.
"Ich will einfach nur meine Ruhe haben. Ich will gar nicht wissen, wer Sie sind, und was Sie wollen. Warum gehen Sie nicht einfach und lassen mir meine Ruh' - der Wald ist groß genug für uns beide."

Doch der Mann machte keine Anstalten zu gehen. Statt dessen kam er näher und setzte sich mit einem Aufseufzen neben Buffy.

Die Jägerin rückte unwillig zur Seite und sah sich gezwungenermaßen ihren aufdringlichen Besucher genauer an.

Er war jung, wenn auch nicht so jung, wie er auf ersten Blick ausgesehen hatte. Kräftig war er und überragte sie bestimmt um Haupteslänge. In seinem dunklen kastanienfarbenem Haar zeigten sich erste silbrige Strähnen, die in einem seltsamen Widerspruch zu seinem ansonsten glatten, jungem Gesicht standen.

Buffy bemerkte um seine Lippen ein Zug von Bitterkeit, doch seine rehbraunen Augen blickten sie sanftmütig, ja fast schon liebevoll an. Eine eigenartige Verletzlichkeit lag in seinem offenen Blick.

"Ich weiß haargenau, wie du dich fühlst, Kleine", flüsterte er. "Obwohl es bei mir schon sehr viel länger her ist, seit ich diesen Ort verlassen mußte - doch der Schmerz über den Verlust … der vergeht nie …
Die Erinnerung verläßt dich nie."

Nicht einmal hier hatte sie ihre Ruhe, dachte Buffy resigniert. Sie konnte absolut nirgendwo hingehen, ohne daß ihr irgendein Spinner über den Weg lief, der sie vollplappern, mit ihr kämpfen oder sonst irgendwie nerven würde.

"In Ordnung", sagte sie daher mit einem eindeutig falschen Lächeln, um damit ihr ebenso ganz offensichtlich geheucheltes Interesse zu unterstreichen:
"Erzähle mir deine Geschichte! Vielleicht kannst du mir erst mal deinen Namen nennen und damit aufhören, mich Kleine zu nennen?"

"Mein Name?" lachte ihr Besucher. "Ich habe meinen wirklichen Namen längst schon vergessen. Du willst einen Namen? Gut, dann nenne mich Morgenstern. Dieser Name paßt ebensogut wie jeder andere."

"Na klasse!" dachte Buffy. "Warum habe ich auch gefragt?"

"Okay, Morgenstern. Worüber reden wir eigentlich? Über dich? Über mich? Und - ach ja - über welchen Verlust?"

"Mit deiner flapsigen Art kannst du mich nicht täuschen, Jägerin!
("Oh", dachte Buffy mit erwachendem Interesse, "er weiß, wer ich bin.")
Du sitzt hier allein im Wald, weil du die Welt und deine Freunde nicht länger erträgst! Sie alle wollen etwas von dir, erwarten etwas von dir. Sie denken, daß du es hier besser hast, als dort, wo du vorher warst. Sie erwarten von dir Dankbarkeit und denken, daß sie dir einen Gefallen getan haben, als sie dich zurückgeholt haben …

… aber du und ich wissen es besser, nicht wahr?"

Buffy stand langsam auf und wich zurück.

"Ich habe außer Spike niemandem erzählt, was geschehen ist! Und Spike würde es nicht weitererzählen. Das weiß ich."
Buffy verstummte und ihre Augen wurden groß, als ob sie plötzlich begreifen würde, was geschah.
"Ich bin vielleicht nicht so gebildet, wenn es um mythologische Geschichten geht, und - ganz ehrlich - allzuviel gebe ich auch nicht darauf.
Aber ich kenne nur eine Geschichte von einem anderen, der aus dem Himmel verbannt wurde … einem, der sich Gott entgegengestellt hat und der deswegen verstoßen wurde … und es heißt, er sei schön gewesen - schön wie der strahlende Morgenstern am Himmel!"

Buffy wich noch weiter zurück, starrte bestürzt auf den schönen Mann vor sich, der sie mit traurigen Augen nur stumm ansah.

Dämonen, Höllengötter und nun … Was?
Gefallene Engel??

Buffy verstand die Welt nicht mehr.
Würde es denn niemals enden? Würde sie für alle Ewigkeiten einen aussichtslosen Kampf nach dem anderen kämpfen müssen? War sie dazu verdammt, ewig zu kämpfen? Ohne jemals eine Aussicht auf ein Ende, auf eine Erlösung?
Ihre Hand griff nach dem kleinen Silberkreuz an ihrem Hals. Fest umklammerte sie es, schloß die Augen und flüsterte inbrünstig:
"Weiche von mir, Satan!"
Sie öffnete die Augen, und da saß er immer noch.
Jung, verletzlich und traurig. Nichts Dämonisches war an ihm, und Buffy fühlte sich einen Moment lang wie eine kompletter Idiot. Kraftlos glitt ihre Hand vom Kreuz.

"Viele Namen hat man mir schon gegeben", flüsterte ihr Gegenüber in diesem Moment, "und für vieles gibt man mir die Schuld."
Langsam stand er auf und mit seinen leeren Handflächen nach vorn gewandt, kam er vorsichtig näher. Fast schien es, als wolle er ihr damit zeigen, daß sie nichts von ihm zu befürchten habe.
"Ich bin nicht das Böse, noch bin ich böse. Nichts vom Übel in der Welt entspringt meinem Willen, noch folgen mir höllische Heerscharen.
Ich bin allein, Buffy Anne Summers, ebenso allein wie du."
Langsam war er näher gekommen. Fast so, als ob er ihr die Möglichkeit lassen wollte, davonzurennen. Jedem seiner Worte war ein kleiner zögernder Schritt gefolgt. Und so war er Wort für Wort, Schritt für Schritt, immer näher gekommen, bis sie sich schließlich still gegenüberstanden.

Buffys Herz schlug wie wild, ihr Magen fühlte sich flau an.
Satan, der Teufel, Luzifer … der Gefallene Engel höchstpersönlich. War er es wirklich?

"Fürchte dich nicht", flüsterte das Wesen vor ihr und berührte dabei sanft das Silberkreuz an ihrem Hals. "Nichts von dem, was du zu wissen glaubst, ist wahr, außer dem einem:
Die Erde ist meine Hölle."

Seine Hand glitt ihren Arm entlang und suchte nach der ihren. Als er sie fand, führte er sie sich an die Lippen und küßte sie sanft. Seine braunen Augen blickten sie forschend an.
"Fürchte dich nicht, Jägerin."
Buffy glaubte, sie müsse vor Schrecken ohnmächtig werden, als seine Lippen ihre Hand berührten. Sein Blick durchdrang sie, und sie hatte nicht den geringsten Zweifel, daß sie es mit einem nichtmenschlichen Wesen zu tun hatte.
"Was …", ihre Stimme klang piepsig, irgendwie dünn und schwächlich. Überhaupt nicht wie ihre eigene. Sie verstummte, räusperte sich und entzog ihm seine Hand.
"Was willst du von mir … Morgenstern?"
Das Wort Morgenstern kam nur zögernd über ihre Lippen, doch es war ihr weitaus lieber, ihn mit diesem Namen anzusprechen als mit einem seiner anderen. - Wenn er es denn wirklich war …

"Ich sehe den Zweifel in deinem Herzen, Jägerin. Du möchtest am liebsten einen Beweis, daß ich derjenige bin, von dem du annimmst, daß ich es bin. Doch wie ich es dir gesagt habe.
Nichts von dem, was du über mich zu wissen glaubst, ist wahr.
… und was ich von dir will?"
Er zuckte mit den Achseln.
"Keine Ahnung. Ich weiß nur, daß mit dir zum ersten Mal ein anderes Geschöpf außer mir auf Erden ist, welches dem Himmel entrissen wurde. Ich fühlte die Rückkehr deiner Seele so schmerzhaft wie einen Stich in mein Herz. - Und seitdem tut es weh, ununterbrochen und ständig … und erinnerte mich daran, was ich verloren habe.
Ich wollte dich einfach nur sehen, wollte mit dir reden … und … ich weiß nicht … vielleicht dich einfach nur wissen lassen, daß es jemanden gibt, der deinen Schmerz versteht."

"Sympathy from the devil?" fragte sich Buffy verwirrt und in einem Anflug von Galgenhumor.
Irgendwie hatte sie den Song der Stones anders in Erinnerung - gemocht hatte sie ihn nie.

"Also dann sitzen wir hier am Waldesrand, halten Händchen, quatschen über den Himmel, den Tod und die ewige Verdammnis, und dann gehst du wieder?" fragte Buffy ihn zweifelnd.

Morgenstern sah sie einen momentlang überrascht an. Dann warf er den Kopf in den Nacken und begann lauthals zu lachen!
Buffy, der ihre eigenen Worte bewußt wurden, begann ebenfalls leise loszukichern, bis sie schließlich - ebenfalls lauthals lachend - zurück zum Baumstamm ging, sich setzte und nach Luft schnappte.

Der Gefallene Engel (wenn er es wirklich war) kam schmunzelnd und sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischend auf sie zu und setzte sich neben sie.
"Na ja, wir müssen ja nicht Händchen halten", sagte er und gab ihr einen schnellen Schmatz auf die Wange.

"Hey!" protestierte Buffy. "Keine Verbrüderung von Feinden, nur weil sie Gemeinsamkeiten haben."

Morgenstern runzelte die Stirn.
"Warum glaubst du, bin ich dein Feind?"

"Na ja, sind wir das nicht automatisch?" Buffy griff nach dem Silberkreuz und hielt es Morgenstern entgegen. "Wegen ihm?"

"Oh nein", antwortete ihr Gegenüber abwinkend, "aber nein! Jesus war in Ordnung - ehrlich! Er hat die Dinge viel lockerer gesehen als die Leute heutzutage glauben würden. Jesus war cool, ganz ehrlich. - Außerdem hat er doch gesagt: Liebet euere Feinde, oder nicht?"
"Aber ich meine auch nicht Jesus", flüsterte Buffy mit gesenkter Stimme, "sondern ihn."
Morgenstern sah Buffy irritiert an.
"Du sprichst in Rätseln, Mädchen."
"Na IHN!" flüsterte sie beschwörend mit einem mahnendem Blick gen Himmel und zögernd streckte sich ihr Zeigefinger nach oben.
"Ach IHN!" wiederholte der Morgenstern erleichtert, weil er gerade an Buffys Verstand gezweifelt hatte.
"Nö!" antwortete er nur kurzgebunden.

"Aha!" sagte Buffy und verschränkte provokativ ihre Arme vor der Brust.
"Sagt wer? Der Widersacher Gottes? Der ewige Verführer der Menschheit? Der Trickster?"

"Verflucht! Du glaubst anscheinend alles, Jägerin, wenn es nur von alten Männern auf gammlige Pergamentrollen geschrieben wurde.
Nichts von dem ist wahr! Nichts ist so gewesen, wie es geschrieben steht! Frag' doch mal deinen Wächterfreund. - Wie heißt er? Giles?
Frag' ihn nach Lucifer, dem Lichtbringer, nach Prometheus, dem Titanen und lies mal in den alten Schöpfungsmythen der Völker, die nicht den biblischen Gott kannten. Lies vom weißen Raben, der die Menschen so sehr liebte, daß er das Himmelsfeuer zu ihnen herunterbrachte. Der sich bei seiner langen Reise zu ihnen so verbrannte, daß sein Gefieder auf ewig schwarz bleiben würde. - Glaube nicht alles, was man dir erzählt!"

Der Engel war wütend aufgesprungen und auf die Lichtung getreten. Ein seltsames Flackern umgab ihn. Funken tauchten aus dem Nichts auf und begannen, um ihn herumzuwirbeln. Sie vereinigten sich zu einer leuchtenden Flammensäule, in deren Zentrum dieser nur scheinbar junge Mann stand.
Die Funken leuchteten immer heller, bis sie in einer blendenden Explosion den Engel in einen Mantel aus Licht hüllten.
Buffy konnte kaum hinsehen, versuchte mit ihrer Hand das blendend weiße Licht abzublocken. Sie erahnte mehr die strahlenden Umrisse eines geflügelten Wesens, als daß sie sie sehen konnte.

"Ich bin der Lichtbringer", hörte sie eine glockenklare weithin hallende Stimme, "der Morgenstern! Ich habe der Menschheit das Licht der Erkenntnis gebracht, sie aus Unwissenheit und Ignoranz befreit. Ohne mich würde dein Volk noch in dunklen Höhlen sitzen, würden sie ihre Nachbarstämme mit Raubzügen überziehen und ihre Toten unbeerdigt den Tieren zum Fraß überlassen!
Ich wies euch den Weg zum Menschsein. Ich ließ euch Gut von Böse scheiden, richtig von falsch. - Als ich zu euch kam, wart ihr nur wilde Tiere. Ohne jeden Geist und Verstand.
Doch ich sah in euere Herzen!
Ich erkannte euer Leid und erbarmte mich eurer. Denn ich erkannte euer Potential. Ich sah die Liebe und Güte in euch ... Und ich konnte nicht anders, als euch zu lieben …
Ich liebte die Menschen so sehr , daß ich aus der Vollkommenheit in die Unvollkommenheit trat, um ihnen die Kunde der göttlichen Liebe und die Kenntnis von Gut und Böse zu bringen.

Vielleicht war es ein Fehler. Vielleicht war es falsch. Doch ich tat es aus Liebe und Mitgefühl. Dies war meine Gabe an euch … mein Geschenk an die Menschheit."

Die letzten Worte waren nur noch geflüstert. Und kaum daß er sie ausgesprochen hatte, erlosch auch das Licht, das Morgenstern eingehüllt hatte und vor Buffy stand nur noch ein junger Mann mit hängenden Schultern und traurigem Blick.
Buffy starrte ihn an und wußte nicht, was sie tun geschweige denn sagen sollte. Schließlich stand sie auf und ging zu ihm hin. Still standen sie sich gegenüber.

"Ich wußte nicht, daß es so weh tun würde", flüsterte der Engel mit Tränen auf den Wangen. "Ich wußte nicht, daß ein Leben in der Dualität so unerträglich sein würde. - Ich hatte keine Ahnung, daß der Schmerz ewig andauern sollte und schlimmer noch …
Ich wußte nicht, daß ich niemals würde zurückkehren können."
Zögernd griff Buffy nach den Händen des Engels. Zum ersten Mal, seitdem sie dem Himmel entrissen worden war, fühlte sich mit jemandem verbunden.
"Kein Mensch kann das verstehen", sagte der Engel leise, "kein Mensch außer dir, Jägerin."
Buffy wünschte sich, den Engel zu umarmen. Es war ihr egal, ob er der Teufel war, oder nur ein gefallener Engel, der niemals wieder den Himmel betreten durfte.
Doch sie traute sich nicht. Darum zog sie ihn zurück zum Baumstamm und sagte:
"Komm, setz dich zu mir, Morgenstern. Laß uns den Sternenhimmel betrachten. - Ich habe festgestellt, daß mich der Anblick der Sterne zu trösten vermag."
Der Engel lächelte.
Der Anblick der Sterne hatten ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr getröstet. Doch er setzte sich neben Buffy, weil deren Anwesenheit ihn mehr tröstete, als es irgendein Sternenhimmel je gekonnt hätte.

Und so saßen sie für den Rest der Nacht zusammen. Die Jägerin und der gefallene Engel. Hielten einander umschlugen, und als Buffy schließlich ihren Kopf an die Schulter des Engels legte, glaubte sie zu fühlen, wie große Flügel sie sanft umarmten und wärmten.

Als Stunden später im Osten das erste Licht die Dunkelheit vertrieb, und die Sterne anfingen zu verblassen, stand Buffy auf.
"Danke", flüsterte sie nur, drehte sich um und ging.

   3   

"Also wenn das nicht rührend war", hörte der Engel eine Stimme sagen. - Er hatte schon länger gespürt, daß sie beobachtet wurden, aber gehofft, daß sich ihr Beobachter kommentarlos zurückziehen würde, wenn die Jägerin ging. Offensichtlich hatte er mit dieser Hoffnung daneben gelegen.

Leise seufzte der Engel. Gerne hätte er auf diese Begegnung verzichtet.

Er blickte in die Richtung, aus der Stimme gekommen war und sah die erste Jägerin aus dem Wald treten.

"Vater", sprach sie ihn ernst an, "warum kommst du mit deinen Sorgen und Nöten nicht zu mir? - Das verletzt mich doch sehr …"

"Hallo Kind", antwortete der Engel, "wieso hast du ausgerechnet diese Form gewählt?"
Die erste Jägerin lächelte. Dann verwandelte sie sich in Buffy.
"Ist dir die letzte Jägerin lieber?" fragte sie.

"Was hast du vor, Kind? Kannst du das Mädchen nicht in Ruhe lassen? Hat sie nicht schon genug gelitten?"

Das Wesen, das wie Buffy aussah, lachte. Es sprang dem Engel auf den Schoß, umschlang dessen Hüften mit seinen Beinen und strich aufreizend langsam mit seiner Zunge über dessen Hals. Eine leichte Rauchspur stieg dort auf, wo die Zunge den Hals berührt hatte.
Erschreckt sprang der Engel vom Baumstamm und versuchte angewidert das Geschöpf, das sich um ihn geschlungen hatte, von sich zu stoßen. Doch je stärker er es versuchte, desto fester umschlossen ihn die Beine, und je mehr er sich wehrte, desto härter preßten sich die Beine zusammen, bis er vor Schmerzen nicht mehr stehen konnte und aufstöhnend in die Knie sank.

"Vater", flüsterte ihm das Geschöpf ins Ohr. "Du kannst mich nicht loswerden. Du hast mich in die Welt gesetzt, und ich gehöre nur dir allein. Ich bin deine Ursünde, für die du niemals Vergebung erwarten kannst! - Komm vereine dich mit mir, laß uns endlich eins sein. - Vereinige dich im Fleisch mit mir, laß uns Blutschande treiben, bis wir darüber wahnsinnig werden, und ich dich beflecken und endlich verderben kann!"

Der Engel schrie wütend auf und in einem gewaltigen Kraftakt schaffte er es, das Wesen von sich zu schleudern.
"Geh fort von mir! Laß mich in Ruh'! Du bist ekelhaft und verdienst nicht meine Liebe. Geh fort, verschwinde! Hast du in all den Jahrtausenden nicht begriffen, daß du mich nicht verderben kannst?"

Das Wesen kam zurück, schlich sich auf allen vieren wie ein Raubtier an und wechselte dabei ständig die Form. Mit jedem Schritt, den es auf ihn zukam, trug es eine andere Gestalt.
"Oh ja, Vater", flüsterte es dabei, "ich weiß, daß ich dich nicht verderben kann. Darum verderbe ich deine geliebten Menschen. Denn das ist die einzige Möglichkeit für mich, dir angemessen für mein Leben zu danken.
Du hast mich in die Welt gesetzt als du ihnen ihren freien Willen gabst. Du hast mich geschaffen, indem du ihnen die Erkenntnis von Gut und Böse brachtest. Sie erkannten das Böse, und sie gaben ihm Gestalt.
Sie gaben mir Gestalt!"
Das Wesen sah wieder wie Buffy aus. Es war nur noch wenige Schritte vom erschöpften Engel entfernt, als es aufstand. Verächtlich blickte es auf ihn herab.
"Du ekelst mich genausosehr an, wie ich dich, Vater. Ich verabscheue dich. - Sieh dich doch an! - Du könntest der Gott dieser Welt sein, statt dessen lebst du verborgen im Schatten und schämst dich insgeheim für das, was du getan hast. Du bist ein Narr, Vater! Du hast ihnen Freiheit gebracht und schämst dich dafür. Du widerst mich an!"
Dann ging es neben ihm in die Knie.
"Anderseits bist du einfach unverschämt sexy, Daddy. Und du bist der einzige, den ich zu berühren vermag. Macht es dich denn nicht neugierig? Willst du denn nicht wissen, wie es sich anfühlt?
… die Vereinigung ...
Das Einssein von Mann und Frau. Das ineinander aufgehen. Die vollkommene Hingabe des Fleisches.
Vater, die Menschen glauben, daß sie in diesem Moment dem Himmel am nächsten sind - und ist es nicht das, was auch du willst? Zurückkehren in den Himmel?"
Das Wesen hatte sich zum Engel heruntergebeugt und seine Lippen berührten fast schon die seinen, als die Hand des Engels es aufhielt und zurückstieß.
"Weder bist du eine Frau, noch ich ein Mann", knurrte der Engel wütend.
"Und jetzt laß mich endlich in Ruh!"
Das Wesen lachte.
"Ach Vater! Du bist so ein verdammter Langweiler!"
Es stand auf und sah wieder wie die erste Jägerin aus.
"Dann muß ich mich wohl oder übel dem Weltuntergang widmen. - Und das ist ganz allein deine Schuld, Daddy. Machs gut, wir sehen uns nach dem Ende der Welt wieder."
Und mit diesen Worten war es verschwunden.

Der Engel stand auf und fühlte die Last der Welt auf seinen Schultern ruhen. Er blickte auf Sunnydale, und seine Augen suchten Buffys Haus. Sein Blick durchdrang mühelos die Wände, und er sah auf die schlafende Jägerin.
Er wünschte sich, er könnte ihr einwenig von ihrer Last abnehmen, einwenig ihr Leid mindern. Doch das ging nicht.

Waren sie doch beide Auserwählte und Verstoßene zugleich. - Sie würden auf ewig allein sein müssen.
Doch gleichzeitig hatte sie Glück. Denn sie war ein Mensch.

Menschen wurde vergeben und ihnen wurde Erlösung zuteil.

Er aber war nur ein gefallener Engel ...

Ohne Hoffnung auf Vergebung und ohne Aussicht auf Erlösung ...
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